Sterbebewältigung

Kulturgeschichte der Sterbebewältigung

 

 

katzebuch

Quelle des Fotos: www.blog.hagga.net 

DIESES Leben“ und die positive Auswirkung des „Urleichtsinns“  

Ein entscheidendes Kriterium zur Sterbebewältigung ist unser Zugang zur GEBURT.

 

Wenn Spinozas Satz, dass „jede Bestimmung Verneinung sei“, auch auf die Welt Anwendung findet, dann könne man die Welt bestimmen, 

         indem man sagt, was sie NICHT ist.   

 

So wissen wir über unsere Geburt so wenig als wären wir nicht dabei gewesen.

Die Geburtsvergessenheit ist der menschlichen Existenz von hohem Nutzen und hilfreich für unsere Sterbebewältigung: nichts zu erinnern zu haben, bedeutet: nichts Schlimmes erlebt zu haben, an das ich mich erinnern müsste. Das Vergessen des Geburtsvorganges auch und gerade wenn die Geburt für mich traumatisch war, schützt uns, die vordere Grenze unseres Lebens erlebnishaft dingfest zu machen.

 

„Weil wir den eigenen Anfang in der Welt, weder Empfängnis noch Geburt in dem Erinnerungsspeicher haben, über den wir ich-haft und willentlich verfügen, sind wir davor geschützt, uns selbst von außen sehen zu müssen – als Wesen, die eine definierte Zeitstrecke durchlaufen und danach verschwinden, untergehen.

Wären wir (in unserer Erkenntnis) Zeugen unserer ersten Zellteilung oder der Geburt gewesen, so würden wir – von der Unvergesslichkeit dieses Ereignisses überwältigt - von Sekunde 

zu Sekunde das Gefühl haben, in der Welt zu sein wie ein Todeskandidat in der Zelle. Nur weil unsere Erinnerung in Richtung Geburt dunkel ist, können wir trotz vager Vermutung über die Endlichkeit der verbleibenden Zeit, normale Stunden erleben, d.h. Augenblicke, die nicht gemessen werden!“ Ohne dieses sanierende Vergessen - „Urleichtsinn“ genannt = wir leben und genießen als gäbe es kein Morgen, als gäbe es den Tod nicht – hätten wir ständig ein Stundenglas vor Augen; würden ständig das tödliche Demonstrativum aussprechen „DIESES Leben“, mit definierter Anzahl von Resttagen unseres Verbleibens auf Erden.

 

Wenn die Geburtsvergessenheit nicht hilft, den Urleichtsinn aufrechtzuerhalten (unbeschwert das Leben zu genießen, Freude, Freundschaft, Familie, Sexualität), so wird aus meinem Leben „DIESES LEBEN“ mit Ablaufdatum, zu einem Stück panischer Untergangsstimmung mit der gierigen Abwicklung von Lebensinhalten in der noch verbleibenden Zeit. Dieses Phänomen ist in heutiger Zeit omnipräsent („noch viel Vergnügen aus dem Leben herausholen“).

 

Sterbebewältigung ist auch, genießen und nichts erzwingen, nicht „DIESES Leben“ sagen und es als verloren erkennen, sondern in einem natürlichen Lebensrausch aufgehen wie die Kinder, die dank ihrer Nichterinnerung an das Begrenzende unsterblich sind (- Nichterinnern an Geburt und Tod; Anmerkung des Verfassers).

Sterbebewältigung höchster Qualität = das Erkennen, dass das Universum IN UNS liegt!  

 

Literatur: Peter Sloterdijk, Weltfremdheit, edition Suhrkamp, 1993. Moriamur igitur – Zur Kritik der seelischen Endabsichten. Seite 177 ff

 

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